
TV On The Radio
Dear Science
(4AD/Beggars/Indigo)
Vermutlich ist „Dear Science“ TV On The Radios erstes Popalbum. Zwar ist hier eindeutig die Band zu hören, die „Desperate Youth, Blood Thirsty Babes“ und „Return To Cookie Mountain“ eingespielt hat, die waren allerdings bestenfalls Etappensiege auf dem Weg zu diesem künstlerischen Zieleinlauf. Was „Dear Science“ so faszinierend macht, ist die Bereitschaft, das melodische Potenzial von TVOTRs hochkompliziertem musikalischen Ansatz auszuschöpfen und zu umarmen. Denn man kann sich die Sache wirklich einfacher machen: Im Kern basieren die Songs auf Loops oder Soundideen, die von den drei Köpfen Kyp Malone, Tunde Adebimpe und Dave Sitek oder Gastmusikern mit einem organischen Bandsound vermischt werden, der aber auch ganz irre Sachen macht: Psychedelic, Doo-Wop und schredderiger Indierock treffen auf Afrobeat und Industrialrhythmen. Maß- und grenzenlos ist diese Musik; ein Amalgam von Zeiten und Orten, das wie das Konstrukt eines vertrippten Science-Fiction-Autors wirkt. Der Opener „Halfway Home“ führt den kalten Joy-Division-Sound mit warmem Bop-bop-bum-Gesumme in die Sonne, Knöpfchendreherei und autistisches Beatgebastel steht Surfgitarren („Shout Me Out“) und tränenziehenden Synthstreichern („Family Tree“) entgegen. „Dear Science“ ist das eingelöste Versprechen der ersten beiden Alben. Bis das nächste erscheint.
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