Neue Platten für den Oktober

September 22, 2008

TV On The Radio

Dear Science

(4AD/Beggars/Indigo)

Vermutlich ist „Dear Science“ TV On The Radios erstes Popalbum. Zwar ist hier eindeutig die Band zu hören, die „Desperate Youth, Blood Thirsty Babes“ und „Return To Cookie Mountain“ eingespielt hat, die waren allerdings bestenfalls Etappensiege auf dem Weg zu diesem künstlerischen Zieleinlauf. Was „Dear Science“ so faszinierend macht, ist die Bereitschaft, das melodische Potenzial von TVOTRs hochkompliziertem musikalischen Ansatz auszuschöpfen und zu umarmen. Denn man kann sich die Sache wirklich einfacher machen: Im Kern basieren die Songs auf Loops oder Soundideen, die von den drei Köpfen Kyp Malone, Tunde Adebimpe und Dave Sitek oder Gastmusikern mit einem organischen Bandsound vermischt werden, der aber auch ganz irre Sachen macht: Psychedelic, Doo-Wop und schredderiger Indierock treffen auf Afrobeat und Industrialrhythmen. Maß- und grenzenlos ist diese Musik; ein Amalgam von Zeiten und Orten, das wie das Konstrukt eines vertrippten Science-Fiction-Autors wirkt. Der Opener „Halfway Home“ führt den kalten Joy-Division-Sound mit warmem Bop-bop-bum-Gesumme in die Sonne, Knöpfchendreherei und autistisches Beatgebastel steht Surfgitarren („Shout Me Out“) und tränenziehenden Synthstreichern („Family Tree“) entgegen. „Dear Science“ ist das eingelöste Versprechen der ersten beiden Alben. Bis das nächste erscheint.

Tomte

Heureka

(GHVC/Indigo)

Tomte sind untrennbar mit der Person Thees Uhlmanns verbunden, und das würde auch niemand anders wünschen. Da ist jemand, der schon immer der King war, und das seit drei Alben auch nicht bloß von sich selbst gesagt kriegt: „Hinter all diesen Fenstern“ war der Durchbruch in eine Welt jenseits der Jugendzentren und Kellerclubs, wo Uhlmann die Tourplakate jeder schwäbischen Thrashmetalband kannte. Verändert hat er sich dadurch nicht: Der konnte beim Leiden schon immer nicht die Fresse halten. Und was wie ein Bono-mäßiger Rockstarkomplex wirkt – „Du nennst das Pathos und ich nenn‘ es Leben“ – kommt wohl eigentlich vom Tagebuchschreiben. So ist auch „Heureka“ ein wunderschön großkotziges Indierockalbum geworden, dass man, wäre es zeitgleich mit Jimmy Eat Worlds „Clarity“ erschienen, wohl Emo genannt hätte. Immer ist bei Tomte alles „larger than life“. Das wäre auch der einzige wahre Kritikpunkt: Dass das Leben, egal was Uhlmann sagt, manchmal einfach klein und dreckig ist.

Of Montreal

Skeletal Lamping

(Polyvinyl/Cargo)

„Skeletal Lamping“ besteht laut Tracklist aus 15 Liedern, aber diese Zahl gibt nicht annähernd die Struktur des Albums wieder. Immer wieder fallen die Stücke in sich zusammen, um wie Phönix aus der Asche als etwas noch Schöneres wiederaufzuerstehen – manchmal mehrfach in einem „Song“. Momente introspektiver Ruhe wechseln sich mit exaltiertem Glamrock ab, ins Trommelfell schneidende Achtzigerjahresynthies folgen auf majestätische Bläsersätze. Kevin Barnes‘ meistens durch verschiedene Filter gejagte Stimme führt als einzige Konstante durch den irren Trip. Obwohl man „Skeletal Lamping“ besten Gewissens mit „Experimentalmusik“ überschreiben könnte, bleibt Barnes‘ sonisches Versuchslabor zu allen Zeiten überaus hörbar. Wenn man eine gewisse Toleranz für schräge Metaphern und offensive Unbeständigkeit mitbringt. Kurze Aufmerksamkeitsspannen sind kein Problem. Was des einen Reizüberflutung, ist des anderen Reichtum.

Jay Reatard

Matador Singles ’08

(Matador/Beggars/Indigo)

Wer in den Neunzigern Indierock hörte, war Matador-Fan: Vor allem die Lo-Fi-Ästhetik von Bands wie Pavement, Guided By Voices oder Yo La Tengo prägten den Sound des Labels. Nach ein bisschen kreativen Schlingern in den letzten Jahren scheint sich das Label für eine neuerstarkte Relevanz zu wappnen. Mit der Neuverpflichtung der Undergroundlegenden Sonic Youth hat man einen atemberaubenden Clou gelandet, und auch sonst scheint man zurück zu den Wurzeln zu gehen: Jay Reatards famoser Schepperock, der nach Kinderzimmer und Vierspurrekorder klingt, hätte auch auf den epochalen „What’s Up, Matador“-Sampler von 97 gepasst. Der Typ haut Songs raus wie der junge Lou Barlow, und mit ähnlich viel Liebe zum Detail: gar keinem. Wie beim Sebadoh-Kopf werden Songskizzen auf Tape gebannt, bevor man Zeit hatte, die Akkorde zu notieren. Unmittelbarkeit ist King. Wohlgemerkt, dies ist die Singlekompilation eines einzigen Jahres. Wo das herkommt, ist noch mehr. Viel mehr.

Ben Folds

Way To Normal

(Sony)

Man kann Filesharer auch nett foppen: Wer sich vor einigen Wochen im Netz nach dem neuen Ben-Folds-Album umsah, stieß tatsächlich bereits auf „Way To Normal“ – ein krudes Ding mit behämmerten Texten und Rapeinlagen im Stil von Folds‘ Dr.-Dre-Cover „Bitches Ain’t Shit“. Ein Streich des recht humorbegabten Singer/Songwriters, mit seiner Band an einem freien Tag zusammengezimmert und dann „aus Versehen“ ins Netz gestellt. Ein feiner Spaß, der allerdings unbeabsichtigt einen Finger in die Wunde legt. Ist das echte „Way To Normal“ vielleicht genau das: „way too normal“, viel zu normal? Nun, ein großer Erneuerer seiner eigenen Ausdruckspalette war der Mann nie, sein Solowerk unterscheidet sich auch bloß in Details von seinem Output mit Ben Folds Five. Und so ist „Way To Normal“ ein weiteres Album schöner Pianosongs, randvoll mit Classic-Rock-Einflüssen und Indiesensibiltäten – meistenteils vielleicht ein bisschen zu leichtfüßig, um wirklich zu berühren.

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